Artgerechte Fütterung – die unendliche Geschichte?

Nicht nur Heu und Hafer ist Pferdefutter
Nicht nur Heu und Hafer ist Pferdefutter

Pferde haben immer Hunger! Jahrtausende der Evolution haben aus den Pferden „Rennmaschinen mit zu kleinem Tank“ gemacht – sprich, die sind ständig am Nachtanken. Aufgrund der vielen Muskeln und der großen Lunge ist einfach etwas wenig Platz für den Magen übrig geblieben. Dazu haben sich die Tiere im kargen Steppenland entwickelt und holen aus der Nahrung sprichwörtlich alles heraus!
Damit stehen wir, als Pferdehalter, mit unseren Hochleitsungsgräsern für Hochleistungsmilchvieh vor einem schier unlösbaren Problem. Fressen die Pferde nämlich zu viel vom eiweißreichen Blattwerk, werden sie fett und krank. Hufrehe lässt grüßen!

EDIT: Am Ende des Artikels stehen meine neuesten Erkenntnisse zu diesem Thema. Ein Großteil dessen, was hier geschrieben steht, sehe ich nach vielen Beobachtungsstunden inzwischen sehr differenziert. Insbesondere die Fütterung aus Netzen!


Unser Pony „Cliff“ hat immer besonders viel Heißhunger. Als wir ihn übernommen haben, hatte er auch arge Probleme mit seinen hufrehegeschwächten Füßen. Nach einigen negativen Erfahrungen mit Weidehaltung, entschlossen wir uns, ihn nur noch über diverse Hilfsmittel fressen zu lassen – und nur noch Heu!
Der erste Versuch war die Nahrungsaufnahme über eine gelochte Plastiktonne. Die Bohrungen (ca. d100) waren im unteren Bereich in 2 Reihen angebracht. Von oben wurde eine entsprechende Menge Heu eingefüllt, dann konnte er fressen. Dabei ergaben sich im Laufe der Zeit mehrere Schwachpunkte, wobei diese Art der Fütterung gut funktioniert hat:

  • Er bekam mit der Zeit den „Dreh“ raus – wurde also immer schneller
  • Das Heu musste mit einer bestimmten Technik in die Tonne eingelegt werden, sodass es auch nachrutscht
  • Cliff stand den ganzen Tag nur an seiner Tonne und bewegte sich kein Stück

Also probierten wir es mit zwei Tonnen und dachten, er würde ab und zu mal wechseln und sich dadurch ausreichend bewegen. Leider war die Entfernung zwischen den Tonnen auf seiner viel zu kleinen Koppel vernachlässigbar klein. Die Heumenge wurde größer – der Bauch auch!

Inzwischen steht er zusammen mit einem spanischen Pferd in seinem zu kleinen Offenstall und angegliedertem Paddock. Beide fressen aus kleinmaschigen Heunetzen. Beide sind klug genug, eine Technik gefunden zu haben, mit Hilfe derer auch diese Heunetze mit der halben Tagesration innerhalb von max. 4h leer gefressen sind. Das bedeutet, dass sie allerhöchstens 8h lang mit fressen beschäftigt sind – Pferde sollen aber bestenfalls ihre Tagesration innerhalb 12 – 16h fressen, sonst sind die Fresspausen zu lang und der Magen übersäuert!

Ich fand durch Zufall ein „verbessertes Heunetz“ – den „Heukorb“.
Dieser zieht sich beim leeren nicht zusammen, sodass es ungleich schwieriger wird, an die begehrten Heustängel zu kommen – so zumindest die Theorie, die aber schlüssig klingt. Ich werde deshalb einen Versuch mit einem solchen Heukorb machen.

Update: Januar 2016 … inzwischen fressen beide Pferde größtenteils ruhig und ohne Hektik aus ihren Heusäcken. Vielleicht lege ich daher eher Augenmerk auf Abwechslung in der Nahrung. Hier paar Birkenzweige – da paar Kräuter – dort paar Beeren und Blätter. Ich werde einfach viel an den Wegrändern anpflanzen und evtl. sind die Pferdchen dadurch ausreichend animiert, sich auf den Weg zu machen.

Update: Februar 2019 … Unsere Tiere – jetzt sind es 3 – fressen nun seit über einem Jahr aus einer zeitgesteurt zugänglichen Heuraufe ohne weitere „Fressbremsen“, sprich Netze oder ähnliches. Ich habe festgestellt, dass die Fütterung aus Netzen, Heukörben oder ähnlichen Einrichtungen, den Pferden immer mehr oder weniger Stress verursacht. Sie fressen immer hektischer, als wenn man ihnen das Heu lose reicht.
Ein weiteres wichtiges Argument gegen Netze ist die Körperhaltung. Bei Netzen, die hängend befestigt sind, entwickeln die Pferde Techniken, um schneller ans Heu zu kommen. Hängt das Netz frei, klemmen sie es sich gegen die Brust und fressen sozusagen in einer Haltung, die stark an die „Rollkur“ beim reiten erinnert.
Hängen die Netze an der Wand, fressen die Pferde mit seitlich verdrehtem Kopf und dem Genick nach hinten überstreckt. Der Kopf bleibt immer in eine Richtung seitlich verdreht, sie wechselt nicht. Das führt zu dauerhafter einsetiger Belastung, die einfach nicht gut sein kann!
Wie man es auch dreht und wendet – das Pferd ist dazu gemacht, das Futter vom Boden knapp vor seinen Füßen aufzunehmen. Man sollte also versuchen, diese Körperhaltung so gut es möglich ist, zu erreichen.

Einseitige Belastung durch Fütterung aus Netzen
Einseitige Belastung durch Fütterung aus Netzen

Was ist also die beste Lösung?
Nun, das ist schwierig zu beantworten. Die beste Lösung für die Haltung und Fütterung von Pferden auf einem kleinen Grundstück kann zwangsläufig immer nur ein Kompromiss sein!
In der Natur fressen Pferde kleiner Mengen und bewegen sich dabei langsam vorwärts. Ihre Nahrung ist zum großen Teil Gras und wird vom Boden abgezupft. Hin und wieder wandert die Herde weiter – es wechseln sich Pferde beim Wache halten ab und spielen miteinander oder dösen. So muss man von den viel propagierten 12 bis 16h Fresszeit eben diese Pausen noch abziehen, um auf eine „Nettofressdauer“ zu kommen. Stellt man nämlich Heu zur freien Verfügung, haben die meisten Pferde automatisch ein neues Problem. Sie fressen zu viel und bewegen sich zu wenig.
Ein weiteres Problem ist die Art des Futters. Ein Großteil der Grünflächen, die auch zur Heugewinnung genutzt werden, ist mit sehr energiereichen Gräsern eingesäht, die dem Milchvieh zu entsprechend hohem Ertrag verhelfen. Zu große Mengen energiereiches Futter überlastet das Stoffwechselsystem der Pferde. Sie entwickeln Stoffwechselstörungen oder -erkrankungen und verfetten. Daraus ergibt sich ja der Ansatz, die Fresszeit oder Fressmenge zu verkleinern. Beides kann bei nicht optimaler Umsetzung zu physischen oder seelischen Einschränkungen führen, weshalb ein gutes Pferdeheu immer der erste Schritt zu einer möglichst optimalen Fütterung zu empfehlen ist. Habt Ihr also einen Bauern gefunden, der Euch gutes Heu liefert (strukturreich, nicht zu energiereich, nicht zu zuckerreich, wenig Staub, hoch geschnitten, nicht zu fest gepresst, gut riechend…), dann behandelt ihn entsprechend gut und zahlt einen angemessenen Preis. Solches Heu ist sehr schwer zu finden!

Bezüglich Futterdarreichung und Fressdauer haben wir im Moment (seit Oktober 2017) folgende Lösung im Einsatz:
Eine Futterraufe, überdacht, mit nach oben schließendem Schott. Das Schott schließt nach einer Fressdauer von einer Stunde und öffnet nach ca. 4h wieder. Somit haben die Pferde 5h Zeit, sich ganz in Ruhe ihr Heu rein zu mümmeln. Weitere Versuche mit kürzeren, dafür aber mehr Öffnungen (z.B. 8×40 Minuten), hat den Pferden mehr Stress verursacht. Sie haben zu kurz gefressen, waren also beim schließen der Raufe noch nicht so wirklich satt und sie hatten in den Fresspausen weniger Zeit, um zu dösen oder zu spielen oder anderes zu tun – es war einfach insgesamt zu unruhig.
Diese knapp 5h Fressdauer sind in unserem Fall ausreichend, um die Pferde in einem guten Futterzustand zu halten. Geistig sind sie sehr ausgelichen, freundlich und machen einen zufriedenen Eindruck. Ihr Verhalten hat sich seit der Einprogrammierung der neuen Fresszeiten tatsächlich spürbar positiv verändert. Wir haben auch versucht, die Zeiten, in denen die Pferde gern von allein ihre Pausen halten, von den Futterzeiten auszunehmen.
Um die Fresspausen zu überbrücken, haben sie weitere Möglichkeiten, an Futter zu kommen – beispielsweise Schnittholz. Doch das ist Stoff für einen weiteren Artikel.

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