Pro Offenstall … warum es Sinn macht

Wenn man sich einmal die Zeit nimmt, die Tierhaltung und insbesondere Pferdehaltung kritisch zu hinterfragen, dann wird man über kurz oder lang zum Ergebnis kommen, dass die Haltung eines Herden- und Lauftiers in einer 9m² kleinen Box überhaupt keinen Sinn macht und – auch wenn es erlaubt ist – nicht artgerecht ist.
Überhaupt muss man sich überlegen, ob es mit dem eigenen Gewissen vereinbar ist, ein Tier für die meiste Zeit seines Lebens in einen Raum zu sperren, der im Verhältnis zu seiner Körpergröße so klein ist, wie für uns eine WC-Box an der Autobahntankstelle. Will man da wirklich Tag für Tag verharren, pinkeln, essen, schlafen, bis uns mal jemand für seine Bespaßung braucht – 25 Jahre lang? Keine Angst, das war ein etwas heftiger „Opener“ für den nachfolgenden Text. Lasst es mich Stück für Stück begründen…

Ein heißer Sommerabend mit den Pferden…

Wer steckt hinter „Sonneberg-Pferde.de“?

Zunächst möchte ich uns kurz vorstellen. Es ist sicher einfacher, folgende Zeilen zu verstehen, wenn man weiß, mit wem man es zu tun hat. Wir sind ein Pärchen aus der Oberlausitz und wir halten 3 Wallache in einer kleinen, privaten Offenstallanlage.
Mein Name ist Jörg (1977) und ich leite eine kleine Firma im Bereich Sondermaschinenbau. Meine Frau Mandy (1977) arbeitet in einem größeren Krankenhaus in der Umgebung und ist dort für die praktische Ausbildung junger Krankenschwestern und -pfleger zuständig.
Im Gegensatz zu mir, der ich bis heute nicht reite und bis vor einigen Jahren mit Pferden nicht viel am Hut hatte, verbrachte Mandy seit ihrer frühesten Kindkeit jede erdenklich freie Minute bei den Pferden in ihrer Umgebung, durfte aber nicht reiten – weils ihren Eltern zu gefährlich war. Hin und wieder saß sie trotzdem (ausversehen!) auf dem einen oder anderen Pferderücken, verbrachte aber die meiste Zeit einfach auf Augenhöhe mit dem Pferd und hat somit schon immer ihre ganz eigene Sichtweise und Beziehung zu den Tieren.
Ich selbst beschäftige mich intensiver mit Pferden, seit Mandy sich überlegt hat, ein spanisches Pferd zu kaufen, um ihr Welsh Pony in Sachen reiten ein wenig zu entlasten. Immerhin war Cliff schon über 20 und da darf er einfach ein wenig ruhiger machen.

Feierabend in der Bauphase, nach der Arbeit gings auf dem Bau weiter.

Mit der Entscheidung für ein weiteres Pferd kam ein Denkprozess über den derzeitigen Stall und viele weitere Ställe, in denen Cliff schon war, in Gang. Wir suchten wieder mal eine Möglichkeit, die Pferde bestmöglich unterzustellen. Reitplatz wäre nett. Vollpension wäre gut. Ein ruhiges und zickenfreies Klima wäre klasse!
Wir haben nix sinnvolles gufunden und so überlegten wir, ob ein Verbleib im derzeitigen Stall eine Option wäre. Der Besitzer hatte schließlich ganz viel vor – irgendwie blieb es aber auch bei den Bekundungen. Es gab weder feste Beleuchtung, noch einen sicheren Zaun, noch fließend Wasser, noch gutes Heu, noch sinnvoll aufgeteilte Fütterungszeiten oder saubere Ställe. Es lief alles so … naja. Ich legte also selbst Hand an. So fuhren wir eine zeitlang jeden Tag 3x in den Stall und versorgten unsere Pferde (da waren es zwischenzeitlich schon zwei). Der Zeitaufwand war enorm und belief sich je nach Wetter und Arbeitspensum auf jeweils 1,5 – 2h. Nebenbei machten wir durch die komplett chaotische Infrastruktur deutlich mehr Kilometer, als die Pferde!
Nach relativ kurzer Zeit war mir das alles zu doof und ich überlegte, ob man das nicht viel besser und vor allen Dingen direkt in der Nähe machen kann. So verbrachte ich jede Menge Zeit damit, die Pferde zu beobachten, viel zu lesen, viel zu hinterfragen und mir Ställe und irgendwann Offenställe anzusehen. Hier gabs alles Querbeet, vom baufälligen Dach auf einer ungepflegten Wiese bis hin zu einer gepflegten Anlage für über 70 Pferde – ca. 45 Fahrminuten von uns entfernt. Da war eine Führung. Ich habe mich bissel abseits gehalten, um eigene Eindrücke zu bekommen und ab diesem Zeitpunkt war für mich klar – es wird ein Offenstall / Paddock-Trail – na irgend sowas! 😉

Warum Offenstall und nicht Box und Weide?

Dafür gibts zwei prägnante Gründe. Zum Einen fand ich die „frei lebenden“ Pferde, die in der besichtigten Anlage lebten, super ausgeglichen – ja fast schon glücklich. Zum Anderen haben wir keine großen Flächen, um die Pferde weiden zu lassen.
Darüber hinaus vertrug Mandys Welsh keine Dauerweide, hatte dann immer mit Hufrehe und Darmproblemen zu kämpfen. Verdacht auf Cushing…
Also gabs nur eine Möglichkeit, diese ganzen Wünsche, Gegebenheiten und Ideen einer angemessenen Pferdehaltung zu vereinen. Wir brauchen ein Grundstück um 10.000m² in der Nähe. Wir müssen rationiert Heu füttern (Cliff überfraß sich auch an zu großen Heuportionen). Wir wollen sehen, dass wir den Pflegeaufwand um die Pferde auf ein zeitliches Minimum reduzieren und gleichzeitig deren Wohlbefinden deutlich steigern.
Nun, das gewünschte Grundstück haben wir nicht gefunden, deshalb leben die Pferde direkt bei uns am Haus. Unsere Fläche beträgt alles in Allem um die 4500m². Das scheint zunächst viel zu klein, aber es ist vollkommen ausreichend.

Luftbild unserer Anlage: Gelb umrandet: Fester Elektrozaun | Grün umrandet: kleine Sommerkoppel, sundenweise zugänglich | 1: Scheune und Offenstall | 2: Heuraufe mit automatischem Schott | 3: Mistplatte aus Beton und überdacht | 4: Reitplatz 30x15m mit Flutlicht und Bewässerung | 5: kleiner Wald als kühler Schlafplatz für heiße Sommernächte | 6: Roundpen ca. 11m | 7: Teich | 8: Sommerkoppel | Die Grünflächen um den Reitplatz sind als Blühwiesen für die Bienen gedacht und für die Pferde nicht zugänglich.

Und was halten die Pferde davon?

Alles prima! Romi findets gut! 😉

Nach nun 3 Jahren in Eigenregie kann ich ganz sicher behaupten, dass es unseren inwischen 3 Tieren absolut gut geht. Sie sind kerngesund (von irgendwelchen mitgebrachten früheren körperlichen und seelischen Problemchen mal abgesehen). Sie scheinen hochzufrieden. Es ist ne richtig harmonische Truppe geworden und das, obwohl die landläufige Meinung dem entgegen steht. 3 Wallache? Davon ein kleines Muli? 10, 11 und 24 Jahre? Ein hippeliges Araber Pony, ein traumatisierter, vernarbter Spanier und ein Muli mit Fesselspuren an Nase und Beinen? Das kann doch nichts werden oder? Doch, das funktioniert erstaunlich gut! Inzwischen haben sie sich so gut eingelebt, dass es immer ein ganz besonderes Erlebnis ist, zu den Pferden zu gehen. Sie sind übrwiegend richtig gut gelaunt und freuen sich richtig über Besuch. So als wollten sie jedes mal sagen … das war ne wirklich gute Idee!

Unser Muli „Romi“ Romerito beim saufen aus dem kleinen Teich

Und macht es denn nun weniger Arbeit?

Ganz klares JA! Durch die große dauernd zugängliche Fläche für die Pferde und unsere besondere Einstreu im Offenstall entfällt das herkömmliche und sehr anstrengende „misten“ komplett. Die tägliche Grundreinigung, die meine Frau mit ihren schlanken 50kg selbst erledigt, nimmt etwa 15-20 Minuten in Anspruch. Dann sind alle Pferdeäppel abgelesen, alle Pferde geknuddelt und alles wieder aufgeräumt. Wasser gibts aus einer Schwimmertränke, die für den Winter beheizt ist. Weiterhin haben wir einen kleinen Teich angelegt, der mit Grundwasser und Regenwasser gespeist wird und von den Pferden ebenfalls als Tränke genutzt wird. Heu gibts aus einer automatisiert zugänglichen Heuraufe, die täglich 5x geöffnet wird, sodass keine zu langen Fresspausen entstehen und die Pferde aber auch nicht zu dick werden oder aus Netzen fressen müssen. Mein persönlicher Einsatz beläuft sich auf 10 – 15 Minuten zum Nachfüllen der Raufe mit einem kleinen Heuballen alle 4 – 6 Tage. Danach ist der Traktor wieder aufgeräumt und ich kann wieder andere Sachen tun.
Im Vergleich zum Arbeitsaufwand, der für Boxenhaltung notwendig ist, ist das, was wir tun müssen, fast schon ein Witz. Allerdings setzt es voraus, dass die Anlage gut geplant und umgesetzt wurde und alles auch funktionsfähig gehalten wird.

„Arbeiten“ im Paradies. Hier fühlt sich nichts nach Arbeit an! 🙂

Was ist im Winter?

Wir tun im Winter nichts anderes. Die Pferde ziehen ihr schönes dichtes Winterfell an. Der Fellwechsel klappt bei allen problemlos. Sie brauchen keine Decken, ihnen ist nicht kalt, sie haben immer die Möglichkeit, sich ins trockene zu stellen. Das einige, das sich im Winter ändert, ist die Aktivität der Pferde. Sie lassen alles etwas ruhiger angehen und gehen in einen „Energiesparmodus“. So, wie es die Natur auch vorgesehen hat.

Heu mümmeln bei -15°C … Cliff findet das ausgezeichnet!

Kann man domestizierte Pferde eigentlich im Offenstall halten?

Ja klar! Ich weiß, dass es Meinungen gibt, die dem widersprechen. Es gibt Leute, die behaupten, dass ein domestiziertes Pferd nicht in freier Wildbahn überleben kann und deshalb sicher verwahrt in eine Box gehört.
Ich kann diesbezüglich nur auf die wild lebenden Mustangs in den USA verweisen. Das sind verwilderte „Rassepferde“, die einst von den spanischen, englischen und französischen Einwanderern mitgebracht wurden und die durch verschiedene Vorkommnisse in Freiheit leben und sich vermehren.
Sicherlich ist das wilde Leben eines domestizierten Pferdes hier bei uns in Deutschland nahezu unmöglich und hochgefährlich. Aber das liegt doch eher daran, dass dem Pferd aus der Box einiges an Erfahrung fehlt, die ein wild lebendes Pferd hat und es liegt daran, dass wir unsere Umwelt so stark verändert haben, dass ein wildes Leben einfach nicht mehr möglich ist. Es gibt weder was pferdetaugliches zu fressen, noch kann es laufen, ohne alle paarhundert Meter an einer Straße zu stehen. Das sind die Gründe, warum ein wildes Leben nicht funktioniert – nicht weil das Pferd zu dumm ist oder weil es per se nicht ohne Menschen klar kommt – sondern weil es keine taugliche Wildnis mehr gibt.
Das schließt aber keinesfalls aus, dass man ein Stück dieser Wildnis nicht zu Hause nachbauen könnte. Man kann es zumindest bestmöglich simulieren. Frische Luft, Ruhe, stabile Gruppen oder Herden mit permanentem Kontakt zueinander und permanetem Zugang zu freier Bewegung (zumindest bis zum nächsten Zaun) sind gut für Pferde und darüber hinaus sehr gesundheitsfördernd.
All unsere Tiere laufen barhuf über diverse Beläge, regen so ihr Hufwachstum an und verschleißen gleichzeitig ihr Material in ziemlich genau dem gleichen Maß, wie es nachwächst. Somit macht Mandy alle 2 – 3 Monate mal eine kleine Hufpflege (da werden meist nur kleinere Stellungsfehler korrigiert und 1 – 2x jährlich kommt eine Hufpflegerin, die ebenfalls nur sehr kleine Korrekturen vornimmt. Laufen auf Sand, Kies, Schotter und Naturboden tut den Hufen sehr gut.
Die Zähne nutzen unsere Pferde an Gehölzen ab, die immer in großer Menge angeboten werden. Auch hier das gleiche Muster – der Zahnarzt muss nicht viel tun. Holz kauen ist wichtig für ein funktionierendes Gebiss.
Aus meiner Sicht kann man jedes Pferd an einen Offenstall gewöhnen. Selbst wenn sie anfangs ein wenig unsicher sind … auf lange Sicht tut das Leben in „Freiheit“ sowohl Gesundheit, als auch der Seele gut.

Schau mal meinen coolen Garten an! Gitano zeigt sich stolz am Zaun. Rassepferde und Offenstall? Na logisch!

Was ist denn nun dran an Strahlfäule, Wurmbefall und Co?

Unseren eigenen Erfahrungen nach nichts. Pferde im Offenstall sind nicht automatisch dauerkrank. Wenn man die Anlage gut anlegt, dann ist eher das Gegenteil der Fall, besonders, wenn man die Arbeitszeit für die Pflege der Pferde mit in den Kontext setzt. Um ein Pferd in der Box bei gleicher körperlicher Gesundheit zu halten ist ein vielfaches an Arbeitszeit notwendig. Es müsste 5 – 6mal täglich gefüttert werden, damit der Magen nicht übersäuert. Es müsste mehrmals täglich auf den Platz gebracht werden, um seinem Bewegungsdrang gerecht zu werden, man muss ständig misten und abäppeln, damit sich keine Parasiten breit machen. Dann hat man aber immer noch nicht die für ein Herdentier sehr wichtigen Sozialkontakte abgedeckt!
In einem gut angelegten Offenstall gehen die Pferde zum Heu, sie gehen zur Tränke, sie gehen zum Leckstein, sie spielen oder chillen oder zupfen Grashalme und überstehende Zweige am Zaun. Sie trainieren sich selbst, sie verpflegen sich selbst, sie feilen ihre Hufe selbst. Durch die viel größere Fläche ist die Gefahr eines Parasitenbefalls deutlich geringer, als in einer vollgekackten Box.
Keines unserer Pferde hatte seit der Umstellung größere gesundheitliche Probleme. Strahlfäule oder Mauke (die sie vorher hatten!), waren weg. Unser damals dauerkranker Cliff hat zwar hin und wieder mal kleinere Wehwehchen, aber das liegt einfach an seiner inzwischen manifestierten Art, gesundheitlich sehr empfindlich auf diverse Einflüsse zu reagieren. Ihm geht es aber vergleichsweise gut und das zeigt er auch. Er hat immer gute Laune. Ich bin der Meinung, dass er ohne diese Form der Haltung womöglich schon nicht mehr leben würde. Beweisen kann ich es natürlich nicht.

Das ist aber alles durch die rosa Brille geblickt – es muss doch auch Nachteile geben!

Also erstmal gibt es ganz sicher auch richtig schlechte Offenställe – das will ich nicht bestreiten und habe es selbst auch gesehen. Weiterhin muss man Offenstall wollen. Man muss auf jeden Fall das Wohl des Pferdes vor seine eigenen Bedürfnisse mit dem Pferd stellen. Denn bekommen die Pferde erstmal spitz, dass sie jederzeit abhauen können, sobald jemand hektisch mit dem Sattel um die Ecke kommt, dann tun sie das möglicherweise auch. Sich auf Offenstall einzulassen bedeutet irgendwie auch, ein ganzes Stück differenzierter mit Pferden umzugehen, sich zu überdenken, Prioritäten neu zu setzen. Wenn man sich viel Mühe dabei gibt, honorieren die Pferde das, indem sie sich freudig brummelnd in Bewegung setzen, sobald sie einen erblicken und ganz heiß drauf sind, irgendwas spannendes zu unternehmen.
So richtige Nachteile sind das nicht. Man lernt Demut, Respekt vor dem Leben und das zurückstellen des Egos und geniest all die Sachen, für die man vorher keinen Blick hatte. Aus meiner Sicht sind die ganzen vermeindlichen Nachteile eigentlich riesige Vorteile.
Von daher – von uns aus … 100% pro Offenstall!

Da gibts mehr als Turniere am Sonntag – viel mehr! 🙂

Und nun ganz viel Spaß beim stöbern und entdecken. Wenn Ihr Fragen habt, oder uns besuchen möchtet – nur zu! Schreibt uns einfach oder kommentiert unter den jeweiligen Beiträgen. Liebe Grüße von Romi, Cliff, Gitano, Mandy und Jörg! 😉

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Der Offenstall … Rückzugsort bei Schlechtwetter

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